Manchmal nervt es

Berichterstattung zu meinem Land ist oft sehr, sehr einseitig. Deshalb hier ein alter Artikel (Dezember 2006), geschrieben als Antwort auf diesen Bericht eines deutschen Gaststudenten an der Uni Stellenbosch.

Alexander Schwan ist seit fünf Monaten in Südafrika. Er hat sich, bewusst oder unbewusst, die Universität mit der besten Reputation gewählt. Das ist gut und richtig so. Und wenn er vorher in Maastricht studiert hat, spricht er bestimmt auch etwas flämisch – das macht seine Wahl der Uni Stellenbosch noch logischer. Denn dies ist die einzige Universität in Kapstadt, an der noch zum großen Teil auf Afrikaans gelehrt wird, einer Sprache, die dem Flämischen ähnlich ist. Alexander beschreibt in seinem Artikel die Schönheiten der Kapregion, die Weinproben und majestetischen Berge.

“Abends bei Straußenfilet und Cabernet Sauvignon dem Plätschern des Wassers am Eerste River lauschen und den vom Sonnenuntergang rot erstrahlten Tafelberg am Horizont ausmachen – das ist der paradiesische Teil”.

Es geht ihm also gut. Wenn, ja wenn da nicht seine rassistischen Kommilitonen wären, die das beschauliche Bild störten. Nein, sie mögen keine Rapmusik, weil die von Schwarzen gemacht wird. Ich stell mir grad vor, wie die Unterhaltung gewesen sein könnte: “No, don’t like it, its black music.” Zugegeben, ich mag auch keine Rapmusik und ja, diese wird vorwiegend von Schwarzen gemacht. Alexander allerdings hat ein festes Weltbild und dieses schreibt ihm vor, dass seine Kommilitonen Rapmusik aus rassistischen Gründen und nicht einfach wegen eines anderen Musikgeschmacks ablehnen. Basta. Denn sie sind weiß und die anderen sind schwarz – die Rollenverteilung gut und böse ist klar.

Ich lebe hier in Südafrika und ich bin begeistert von diesem, meinem Land. Seit den Wahlen 1994 hat sich vieles geändert – und Alexander, dies sind erst 12 Jahre. Was hast Du erwartet ? Du schreibst von einer ohnmächtigen Wut, wenn Du an den Townships vorbeifährst. Wusstest Du, dass unsere Regierung im nächsten Jahr 23 Milliarden Rand (€ 2.6 Milliarden) für den Bau von 500.000 Häusern für schwarze Südafrikaner ausgeben wird? Wusstest Du, dass unsere Regierung den Steuerfreibetrag für die unteren Einkommensschichten auf 40.000 Rand (€ 4500) erhöht hat? Wusstest Du auch, dass unsere Regierung trotzdem das Defizit vor Neuverschuldung auf 7.9 Milliarden Rand und somit auf ein halbes Prozent des Bruttozialproduktes verringern konnte? Dir als VWL-Studenten sollten solche Zahlen etwas sagen. Dir als Gast in unserem Land sollte mit den Erfahrungen, die Du hier machst, klar sein, dass die Lebensbedingungen ALLER Südafrikaner nicht in einer Dekade angeglichen werden können. Erwartest Du nicht etwas zuviel ? Um noch eine Zahl zu nennen: trotz all der Ausgaben und Steuersenkungen für untere Einkommensschichten ist unsere Inflationsrate stabil unter 4 %.

Unsere Regierung und die Menschen in unserem Land arbeiten an einem neuen Südafrika. Es werden Fehler gemacht, aber auch Fortschritte. Alles braucht eben Zeit. Gib uns doch eine Chance. Du schreibst von Deinen rassistischen Kommilitonen. Alexander, diese müssen ihr Studium selbst bezahlen, mit der Aussicht, danach in ihrem Heimatland keine Arbeit zu finden. Dies nennt man BEE (Black Economic Empowerment) und macht es einem Weißen so gut wie unmöglich, eine Anstellung in der Wirtschaft zu finden. Wie würdest Du Dich verhalten, wenn Du – der Du sicherlich Deinen Aufenthalt hier in Südafrika über ein Stipendium finanzierst – gezwungen wärst, Deine Heimat zu verlassen? Alexander, hast Du jemals versucht, Dein Weltbild in Frage zu stellen und die Situation der Weißen hier in Südafrika zu verstehen? Und vergiss nicht, es waren die Weißen, die beim Referendum 1993 für die Abschaffung der Apartheid gestimmt haben.

Die Uni in Stellenbosch versuche krampfhaft, Afrikaans als Lehrsprache zu behalten – schreibst Du. Ich frage Dich: Was ist falsch daran? Warum kann es neben zwei englischsprachigen Universitäten in Kapstadt nicht auch eine afrikaanssprachige geben? Afrikaans ist die am meisten gesprochene Sprache im Westkap. Haben die Menschen hier nicht ein Recht darauf, eine Hochschulausbildung in ihrer Muttersprache zu absolvieren ?

Die Townships haben es Dir ja besonders angetan. Alexander, es gibt solche Siedlungen auch in Brasilien oder Asien. Dies hat mit Landflucht und dem Streben nach einem besseren Leben zu tun. Warst Du je in einem Township hier am Kap ? Weisst Du, dass – im Gegensatz zu vergleichbaren Siedlungen in Brasilien – diese alle Strom, fließendes Wasser und städtische Dienstleistungen wie Müllabfuhr etc. haben. Übrigens zum großen Teil nach einer Gemeindestrukturreform – mitfinanziert durch die wohlhabenden Gegenden um Camps Bay. Wusstest Du, dass zum Beispiel Helen Zille, unsere (weiße) Bürgermeisterin, eigentlich lieber Häuser für die Armen bauen wollte, als Milliarden für die Fußballweltmeisterschaft 2010 auszugeben? Alexander, ich möchte das Leben in den Townships nicht schönreden. Aber gib uns Zeit, die Lebensbedingungen auch dieser Menschen zu verbessern.

Du schreibst, dass Du hier an der Uni in Stellenbosch unter anderem an einem Seminar Probleme bei der Errichtung einer demokratischen Nation in Südafrika seit 1994 teilnehmen konntest. Eigentlich hättest Du unser Land, unsere Probleme und unsere Perspektiven besser verstehen sollen, als Du dies in Deinem Artikel zum Ausdruck gebracht hast.

Wenn Du das nächste Mal bei Straußenfilet und Cabernet Sauvignon dem Plätschern des Wassers am Eerste River lauschst, versuch doch mal, die Menschen in Südafrika zu verstehen – alle Rassen – denn wir sind eine Nation und haben bisher viel erreicht, von dem man vor dem Abschaffen der Apartheid noch nicht einmal träumen konnte.

Die gute Hoffnung

Marie Luise Knott war in Südafrika. Das ist offensichtlich. Beschreibt sie doch ihre Verwirrtheit beim Anblick all der Schwarzen vor ihrem Hotel. Diese Schwarzen sehen doch alle gleich aus. Und wie soll der Durchschnittsweisse denn die Guten von den Bösen trennen? Dass ihr Hotel sich alle erdenkliche Mühe gibt, mit zusätzlichem Sicherheitspersonal für die Gäste zu sorgen – nicht so wichtig um erwähnt zu werden. Eigentlich trägt man doch damit nur zur schon bestehenden Unsicherheit der Besucher bei, oder?

Diese hindert die Marie Luise Knott allerdings nicht, sich auf die zweifellos vorhandenen und aber auch die imaginären Probleme Südafrikas zu stürzen.

Doch Nelson Mandelas Aufbruch in ein „nichtrassistisches, geeintes und demokratisches Südafrika“, jene Zeit, als Südafrika 1995 der Rugby-Weltmeistschaftssieg gelang, ist Vergangenheit. In einem Land mit einem maroden Schulsystem, in dem man, jedenfalls zu nichtweltmeisterlichen Zeiten, auf der Straße wegen eines Handys umgebracht werden kann, in einem Land mit regierungsgesteuerter Korruption, dramatisch steigender Armut und hoher Arbeitslosigkeit verströmt der Ruf „Wir sind eine Nation“ kaum Zuversicht.

Der Vorschlaghammer. Also wegen eines Handys wird man in Südafrika auf der Straße umgebracht? Is ja ein Ding. Abgesehen davon, dass so gut wie jeder erwachsene Südafrikaner ein Handy hat: weswegen wird man denn so in Deutschland umgebracht? Juden werden gejagt und verprügeltPolizisten zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Und auf Abiparties werden Teilnehmer einfach mal so abgestochen. Soll ich weiter auflisten? Ja, es gibt ein Sicherheitsproblem und ja, viele Menschen hier fragen sich jetzt, warum es die Polizei schafft, dieses während der WM, nicht aber normalerweise in den Griff zu bekommen. Von Deutschland allerdings brauchen wir keinen Zeigefinger. Ihr habt Eure eigenen, zahlreichen NO GO areas.

Marodes Schulsystem? Hallo? Pisa Studie? Rüttli Schule? Sagen Ihnen diese Schlagworte was? Da kommt die Marie Luise Knott und entzieht jedem südafrikanischen Lehrer, allen die sich unter widrigen Bedingungen in ländlichen Gebieten oder im Township um die Ausbildung der Kinder verdient machen – allen diesen Lehrern entzieht sie die Berechtigung. Basta. Marode. Müssen wir keine Differenzierungen zulassen. Marode. Das in einem Agrar – und Schwellenland wie Südafrika alle Kinder einer Schulpflicht unterliegen – nicht so wichtig. Oberlehrer Marie Luise Knott weiß es eh besser. Marode. Und ich geh mal davon aus, dass sie mehrere Schulen besucht hat um diese Feststellung zu treffen. Oder etwa nicht?

Regierungsgesteuerte Korruption. Das muss sich erstmal setzen. Also auf Deutsch: die Regierung fördert und lenkt Korruption. Wohlgemerkt, die Marie Luise Knott meint damit die südafrikanische Regierung. Ich bin nun eher von Natur aus kritisch wenn es um Regierungen geht und würde so wenig wie möglich Einfluss der Regierung bevorzugen. Aber, ich bin gleichzeitig überzeugt, dass die südafrikanische Regierung im Großen und Ganzen und mit den gegebenen Möglichkeiten einen guten Job macht. Fehler werden gemacht und daraus gelernt. Und? Wir haben – wie die Marie Luise Knott auch ganz richtig erkannt hat – erst seit 16 Jahren eine funktionierende Demokratie. In Deutschland hat man diese Herrschaftsform schon etwas länger. Man stelle sich vor, der südafrikanische Präsident wäre einfach mal so von heute auf nichts zurückgetreten. Alles hingeschmissen, basta. Nur weg. Ohne jetzt auf die vermeintlichen (und mE nachvollziehbaren) Gründe des deutschen Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler eingehen zu wollen – im vergleichbaren Fall hätten sich die besserwisserischen Oberlehrer in den deutschen Redaktionsstuben und wohl auch die Marie Luise Knott überschlagen vor Aufregung und Glück. Unsere Regierung hat eine dreimal so hohe Zustimmungsrate unter der Bevölkerung wie die Bundesregierung. Also kann doch nicht alles nur schlecht sein, oder?

Marie Luise Knott kennt Katharina Narbutovic vom Daad-Künstlerprogramm und weiß von deren Veranstaltung in Johannesburg. Davon abgesehen dass diese wohl nur vom elitären Bekanntenkreis der Autorin besucht wurde, frage ich mich, was die Erwähnung von Candice Breitz, und deren „streng komponierter Video-Arbeit mit Erzählungen von Zwillingen“ in diesem Artikel zu suchen hat. Sie wird sich auf jeden Fall freuen, in der FAZ genannt worden zu sein.

Die Marie Luise Knott kennt auch Ivan Vladislavi. Der heisst zwar eigentlich Vladislavić, muss aber trotzdem als Kronzeuge herhalten. Der Aufeinanderprall der Identitäten und die ausgeprägten No-Go-Areas stehen für den südafrikanischen Geisteszustand, hätte er gesagt. Interessieren würde mich dann schon, wann und in welchem Zusammenhang er dies denn gesagt haben soll. Und dann holt Marie Luise Knott zum ganz großen Rundumschlag aus:

Jyoti Mistry, die indischstämmige Stadtsoziologin und Filmemacherin, führt mit viel Selbstironie durch die Anlage. … Auch der aus Kamerun stammende Historiker Achille Mbembe konstatiert, Materialismus und Konsumismus und das Feststecken in den Bildern und Begrifflichkeiten der Vergangenheit hinderten die Menschen daran, das Neue zu erkennen, das sich tatsächlich tagtäglich ereignet. … Mbembe, ebenso wie Georges Pfründer, der aus der Schweiz zugezogene Leiter der Wits School of Arts, setzen auf „Métissage“ und „Kreolisierung“, die allmähliche Bildung einer gemeinsamen, „hybriden“ Kultur. … Vor allem aber betont er, wie auch Joity Mistry in ihren Filmen wie „We remember differently” auf die Begegnung von Dokument und Fiktion. … Hier, in „Arts on Main“, haben sich verschiedene Kulturinitiativen zusammengeschlossen, mit dem Ziel, ein Stück Innenstadt dem öffentlichen Leben zurückzuerobern: Galerien, Ateliers, eine Buchhandlung, ein Restaurant und verschiedene Veranstaltungsorte. Das Goethe-Institut, der weltbekannte Künstler William Kentridge und die Galerie Seippel sind mit von der Partie.

Wahnsinn, wen die Marie Luise Knott so alles kennt. Trotzdem versuche ich noch immer, einen Zusammenhang zur Schlagzeile ihres Artikels zu finden: „Wo ist die gute Hoffnung hin?“.

Die Autorin verweist auf die Dichterin Lebogang Mashile und warnt vor Taschendieben in Südafrika. Und dann begibt sie sich auf die Reise nach Kapstadt. Es sind nicht die faszinierenden Schönheiten dieser Stadt am Tafelberg, die schon seit Jahrhunderten die Menschen anziehen, es sind nicht die beiden Ozeane, die Weingegenden, die Strände, das multikulturelle und friedliche Zusammenleben der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen das von Marie Luise Knott beschrieben wird. Nein, es ist das Krächzen der Vögel. Und natürlich muss sie von Weißen schreiben, die sich von der neuen schwarzen Regierung unverstanden fühlen. Die Marie Luise Knott hat nicht mitbekommen, dass im Western Cape die DA regiert und wir hier gar eine weiße Frau als Premier haben.

Am Ende ihres Beitrages scheint Frau Knott dann doch noch etwas Verständnis für Südafrika und seine Chancen zu entwickeln, ja man könnte fast schon schreiben, dass sie dann – wenn auch versteckt zwischen mehreren Kastensätzen und der Erwähnung der Namen weiterer Kulturschaffender – so etwas wie eine Antwort auf die Frage „Wo ist die gute Hoffnung?“ gibt.

Südafrika, das unter der Apartheid nach Europa und Amerika ausgerichtet und vom Rest des Kontinents abgeschnitten war, zieht heute neben den Wirtschaftsflüchtlingen auch Intellektuelle aus vielen afrikanischen Ländern an.

Darin liegt eine einmalige Chance. Eine Hinorientierung auf das Afrikanische, eine Förderung der afrikanischen Intellektuellen. Und gleichzeitig die Bewahrung der europäischen Wurzeln. Dies ist einmalig in der Geschichte und mit gutem Willen wird es gelingen, Südafrika zu einem neuen, erfolgreichen Model für Afrika auszubauen.

Dieser gute Wille, dieser Wunsch erfolgreich zu sein, ist bei den meisten Südafrikanern vorhanden. Auch wenn Marie Luise Knott dies nicht so sieht, nicht so sehen kann oder will. Man kann es förmlich riechen: der Autorin dieser pseudointellektuellen Schmähschrift passt es nicht, dass die WM erfolgreich ist. Ihr kleinkariertes Weltbild erlaubt den Gedanken nicht, dass die Südafrikaner eine fantastische WM organisiert haben. Sie hofft noch immer, dass etwas schief geht. Ein ganz kleines bisschen, bitte. Und wenn nicht, dann eben nach der WM. Es kann und darf doch nicht sein, dass Südafrika erfolgreich ist.

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